Ausgerechnet die Generation Y hat keine Lust, Chef zu sein
Von Charlotte Zink, Welt am Sonntag
Großes Büro, stolzes Gehalt, Dienstwagen: Chef sein galt lange als ultimatives Karriereziel. Doch Umfragen zeigen, dass immer weniger Deutsche diesen Job übernehmen wollen. Ausgerechnet bei der dafür vorgesehenen Altersgruppe schwindet der Wunsch nach Führung.
Wenn Alina Behrenz* morgens um acht Uhr ins Büro kommt, ist ihr Chef schon da. Meist hat er zu diesem Zeitpunkt bereits E-Mails verschickt. Nicht selten versendet er auch noch nach Mitternacht Nachrichten. Behrenz arbeitet als Marketing-Managerin für einen deutschen Handelskonzern mit Milliardenumsatz. Nationale Werbekampagnen, ein junges Team und die Chance darauf, sich in einem großen Unternehmen hochzuarbeiten: All das klang, kurz nachdem die heute 29-Jährige ihren Bachelor in Business Administration absolviert hatte, nach einem Traumjob.
Zwei Jahre später hat die Realität Spuren hinterlassen. Während der Spaß an der Arbeit blieb, ist der Wunsch, Karriere zu machen, geschwunden: „Ein Team zu leiten, kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Behrenz. „Mir ist es wichtig, dass mir privat Zeit für Freunde und Familie bleibt, ohne dass ich ständig aufs Handy schauen muss.“
Wie Behrenz geht es vielen Deutschen. aller Männer und hegen den Wunsch, im Laufe ihres Berufslebens eine Führungsposition zu übernehmen. Das zeigt eine repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag der Initiative Chefsache unter 5000 Berufstätigen und Studenten im Februar 2020, die WELT vorliegt.
Was aus den Zahlen auch hervorgeht: Der Wunsch nach Führung schwindet offenbar bereits nach wenigen Jahren im Berufsleben spürbar. So hegen immerhin noch rund 56 Prozent der 18- bis 29-Jährigen den Wunsch, im Laufe ihrer Karriere Chef zu werden. Bei den 30- bis 39-Jährigen aber fällt der Anteil der Ehrgeizigen ab. Nur noch etwas weniger als die Hälfte (49 Prozent) will Chef werden. Dabei ist diese Altersgruppe die wichtigste Rekrutierungsreserve für die kommenden zehn Jahre.
Karriere, Partnerschaft, Kinder – alles gleichzeitig
„Die Zeit zwischen 30 und 39 Jahren wird gern auch als Rushhour des Lebens bezeichnet“, sagt Angelique Renkhoff-Mücke, Vorstandsvorsitzende des Sonnenschutzherstellers Warema und Mitglied der Initiative Chefsache. Neben der Karriere kämen Partner und möglicherweise Kinder hinzu. „Aber gerade hier sind die Unternehmen gefragt“, sagt Renkhoff-Mücke. Sie müssten nicht nur mit jungen Talenten eine Vision entwickeln. „Gleichzeitig muss eine Führungskultur etabliert werden, die sich mit Familie und privaten Interessen unter einen Hut bringen lässt.“
Dass junge Arbeitnehmer mit einer erfolgreichen Karriere heute ganz andere Dinge verbinden, als ein Team zu leiten und Verantwortung zu übernehmen, legt eine Umfrage der ManPower Group aus dem Jahr 2016 nahe. Nur 13 Prozent der zwischen 1982 und 1996 Geborenen streben demnach eine Führungsrolle als Karriereziel an. Als höchste Priorität setzen die Millennials stattdessen, mit „tollen Menschen“ zusammenzuarbeiten (33 Prozent) und viel Geld zu verdienen (27 Prozent).
Der Personalberater Wolfram Tröger berät Unternehmen seit mehr als 25 Jahren bei der Besetzung von Chefposten, seit sechs Jahren mit seiner Firma Tröger & Cie. Auch er spürt, dass sich grundlegend etwas verändert hat. „Vor zehn Jahren gab es für Führungspositionen noch merkbar mehr junge Bewerber“, sagt er.
Und das ist nicht das Einzige: „Heute stellen die, die in Betracht ziehen, Chef zu sein, viele kritische Fragen.“ Statussymbole wie ein Dienstwagen lockten niemanden mehr. Stattdessen wollen Bewerber wissen, ob sie auch mal von einem anderen Ort arbeiten oder vier Wochen am Stück verreisen könnten. Antworten auf solche Fragen seien oft entscheidend dafür, ob Bewerber einen Chefposten haben wollen, sagt Tröger.
Flexibles und mobiles Arbeiten bleiben Zukunftsmusik
Marketing-Managerin Behrenz kennt solche inneren Konflikte. Auf der einen Seite ist da der Wunsch nach Freizeit, Stunden ohne E-Mails. Auf der anderen Seite spürt sie den Leistungsdruck im Büro. Fragen wie „Macht es überhaupt Sinn, für ein Unternehmen zu arbeiten, in dem ich auf keinen Fall mehr Verantwortung übernehmen will?“, gehen ihr durch den Kopf. Ihren Namen möchte die 29-Jährige lieber nicht in der Zeitung lesen. Ihr Chef soll keinesfalls von ihren Zweifeln erfahren. „Ich habe meine Bedenken in Gesprächen mit ihm schon durchblicken lassen“, sagt sie.
Nur geändert hat sich nichts. Firmen stellen Fragen nach Flexibilität oft noch vor eine Herausforderung. Denn zufriedenstellende Antworten darauf bedeuten Veränderung. „Anfänge sind erkennbar, aber Firmen müssen noch mehr auf die neuen Ansprüche eingehen, damit auf lange Sicht kein Mangel an jungen Führungskräften entsteht“, sagt Experte Tröger.
Laut dem Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln im vergangenen Jahr veröffentlichte, ermöglichen immer noch weniger als die Hälfte der Unternehmen in Deutschland (48 Prozent) überhaupt Vertrauensarbeitszeit, in 43 Prozent der Firmen ist aber immerhin schon ortsunabhängiges Arbeiten möglich. „Flexibles und mobiles Arbeiten bleibt für Beschäftigte und Unternehmen auch in den nächsten Jahren das bedeutendste Zukunftsthema“, so ein Fazit der Studie.
Dass bei Unternehmen Handlungsbedarf besteht, um Führungsrollen attraktiv zu machen, findet auch Eberhard Hübbe, Human-Resources-Berater bei Kienbaum. Er steht Firmen regelmäßig bei Personalfragen zur Seite oder hilft als Change-Berater bei der Umsetzung neuer Unternehmensstrategien. Maßnahmen wie flexible Arbeitszeiten und -orte sieht er dabei aber gar nicht als den wichtigsten Schritt. „Arbeiten aus dem Homeoffice kann auch dazu führen, dass Berufliches und Privates so verschwimmen, dass die Angestellten unter Dauerstress stehen“, sagt Hübbe.
Auf Chefs können Firmen nicht verzichten
Der Berater ist der Meinung, dass Firmen vermehrt Verantwortung für Themenbereiche statt für Teams verteilen sollten. „Eine themenbezogene Rolle passt zu den Ansprüchen junger Arbeitnehmer wesentlich besser, als dauererreichbarer Chef einer Abteilung zu sein“, sagt Hübbe. Auch er erlebt, dass neue Generationen von Angestellten immer mehr Wert auf ein selbstbestimmtes Arbeitsmodell legen und daher auch schneller als früher bereit sind, Firmen zu verlassen. „Die Bindung zum Arbeitgeber ist nach meiner Erfahrung geringer als sie es noch früher war“, sagt Hübbe. „Wenn etwas nicht passt, haben gut qualifizierte, junge Leute keine Scheu zu kündigen.“
Ganz auf Chefs können Firmen zwar auch in Zukunft nicht verzichten. „Das, was an Führung nötig ist, muss aber besser aufgeteilt werden“, sagt Hübbe. So könnten Vorgesetzten-Rollen beispielsweise befristet oder von zwei Kollegen übernommen werden. Dem Einzelnen würde das deutlich mehr Raum für Privates lassen.
Dass dies wichtig ist, weiß auch Jutta Boenig, die seit mehr als 20 Jahren Karriereberaterin ist. Regelmäßig unterstützt sie auch junge Menschen dabei, für sich herauszufinden, welcher Karriereschritt der richtige ist. Immer wieder stellt sich dabei auch die Frage: Will ich wirklich Chef werden? „Oft dauert es zwischen fünf und acht Jahren, bis die Karriere in Schwung gekommen ist und sich Angebote für herausragende Führungsrollen ergeben“, sagt Boenig. Wenn dann mit wachsender Verantwortung die Freude am Beruf nachlässt, wird nicht selten sie konsultiert.
Vor allem junge Männer entscheiden sich gegen Karriere
Dann gelte es herauszufinden, welche Glaubenssätze einem persönlich wichtig und mit welchen Karriereentscheidungen diese vereinbar sind. „Fragen Sie sich ganz konkret: Für wen und was mache ich das?“, rät die Expertin. Hat jemand jahrelang darauf hingearbeitet, Chef zu werden, um seine Eltern zufriedenzustellen, ist das höchstwahrscheinlich nicht der richtige berufliche Weg. Für einen anderen, der den Posten anstrebt, weil er gern mitbestimmt und besonders gut Konflikte lösen kann, hingegen schon.
„Ich erlebe es immer häufiger, dass vor allem junge Männer sich nach einer genauen Analyse gegen eine klassische Karriere entscheiden, weil ihnen Zeit mit ihrer Familie wichtiger ist als eine Führungsposition“, sagt Boenig. Auch beobachtet sie, dass Berufseinsteiger und junge Angestellte heute selbstbewusster sind als früher und nicht bedingungslos Geld gegen Lebenszeit tauschten. „Wer das Gefühl hat, das Leben zu verpassen, weil er nur noch im Büro ist, der sollte seinen beruflichen Weg hinterfragen“, sagt Boenig.
Marketing-Managerin Behrenz schaut nach neuen Stellen. Vor allem dann, wenn sie wieder einmal sehr spät nach Hause kommt und weiß, dass es morgens schon weitergeht. „In einer Firma mit einer flexibleren Struktur könnte ich mir auch vorstellen, Chefin zu sein“, sagt sie. „Aber eben nicht um jeden Preis.“
Link zum Text: https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/article207782031/Karriereziel-Generation-Y-hat-keine-Lust-Chef-zu-sein.html