Tagsüber tragen die Briten noch Maske – nachts gibt es kein Halten mehr
Von Charlotte Zink, Die Welt
England hat die Corona-Regeln abgeschafft. Auch in Brighton, wo die Zahl der Neuinfektionen zuletzt rasant stieg, gehen Jugendliche wieder schutzlos feiern. WELT hat eine Stadt besucht, die zwischen Leichtmut und Corona-Sorge hin- und hergerissen ist.
Laute Bässe, bunte Lichter, gefüllte Tanzflächen: Im südenglischen Brighton ist in der Nacht zum Dienstag die Partyszene nach Monaten des Stillstands wieder zum Leben erwacht. Vor einem beliebten Club an der Promenade der Unistadt trudeln kurz nach Mitternacht nach und nach Grüppchen feierwütiger Studenten ein. Für umgerechnet knapp sieben Euro Eintritt spüren sie das erste Mal seit 16 Monaten wieder, wie es ist, zwischen anderen Menschen zu tanzen.
Unter denjenigen, die eine Rückkehr zur Normalität willkommen heißen, sind in dieser lauen Sommernacht auch die 19-jährige Rose (Name geändert) und ihre gleichaltrige Freundin. „Candy Shop“ von 50 Cent dröhnt aus dem Nachtclub, während die jungen Frauen noch eine mitgebrachte Flasche Wein auf der gegenüberliegenden Straßenseite austrinken.
„Ein paar Gedanken über die Ansteckungsgefahr habe ich mir schon gemacht“, sagt Rose angesichts der Menschen, die sich im Raucherbereich beim Eingang tummeln. „Am Ende ist mir das Risiko dann aber doch egal, denn ich will unbedingt das erste Mal in meinem Leben in einen Club.“
Goldene Kettchen, lange Wimpern und Sommerrock: Für die heiß ersehnte Partynacht haben sich die Freundinnen extra schick gemacht: Masken wollen sie auf der Tanzfläche nicht tragen – das tut dort in dieser Nacht von den Feiernden schließlich niemand. „Wir ermutigen zum Maske-Tragen, sie ist aber für den Einlass nicht notwendig“, heißt es zu dem Thema vonseiten der Veranstalter.
Pflicht ist der Mund-Nase-Schutz seit dem 19. Juli in England schließlich nicht mehr: Genau wie alle anderen Corona-Restriktionen ist die Masken-Regel seit dem umstrittenen „Freedom Day“ abgeschafft. Das macht Partynächte überhaupt erst wieder möglich. Lediglich in wenigen Fällen gelten vonseiten der Regierung nach wie vor Einschränkungen, etwa beim Aufenthalt in Krankenhäusern.
Experten halten dieses Vorpreschen in Richtung Normalität für höchst bedenklich. Der Grund liegt auf der Hand: Seit Wochen steigt die Zahl der Covid-Fälle in England wieder deutlich. Zuletzt überschritt die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 50.000, das sind beinahe so viele Fälle wie zum Höhepunkt der zweiten Welle um den Jahreswechsel herum. In Brighton liegt die 7-Tage-Inzidenz mit 429 dabei sogar noch deutlich über dem nationalen Durchschnitt von 376.
Premierminister Boris Johnson ließ sich von diesen Zahlen nicht stoppen: Seine Regierung setzt seit Anfang der Woche auf die Eigenverantwortung von Bürgern wie der 19-jährigen Rose – und auf mahnende Worte.
„Bitte, bitte, seien Sie vorsichtig“, flehte Johnson beispielsweise. Bei einer anderen Gelegenheit ermahnte er : „Diese Pandemie ist noch nicht vorbei. Wir können am Montag, dem 19. Juli, nicht einfach sofort zu dem Leben, wie es vor Covid war, zurückkehren.“ Dass diese Worte zumindest unter den Feiernden im nächtlichen Brighton verpufften, wurde auf der gut besuchten Tanzfläche deutlich.
Am Tag trugen die meisten Maske
Von einer anderen Seite zeigte sich die Stadt im Süden Englands am Tag. Sei es im Supermarkt, im Waschsalon oder in der Schlange vor dem Bäcker: Die meisten Menschen behielten dort trotz abgeschaffter Regeln auch am Montag ihre Masken auf.
Lediglich hier und dort konnte man kleine Gruppen beobachten, die ohne Maske vom Strand ins Café strömten, oder Menschen, die ungeschützt durchs Shopping-Center flanierten. Auch ein Friseursalon an einer Hauptstraße, in dem weder Kundin noch Friseur einen Mund-Nase-Schutz trugen, stach negativ heraus.
Im Großen und Ganzen fiel auf: Während Menschen in ihrer Freizeit eher mal ohne Schutz unterwegs waren, trugen vor allem diejenigen, die in Läden und in der Gastronomie arbeiten, nahezu ausnahmslos Maske.
„Ich muss sie nicht tragen, aber ich bin nicht in Eile, sie bald loszuwerden“, sagte der Verkäufer in einem Eisladen. „Hier ist heute viel los, da ist mir das Risiko mich anzustecken ohne Maske zu hoch“, so der junge Mann weiter.
Mit Johnsons Appellen habe seine Vorsicht aber nichts zu tun: „Ein Freund von mir hat sich vor Monaten Corona eingefangen und kann immer noch nicht riechen oder schmecken“, erklärte der Verkäufer. Neben der Tür in seinem kleinen Laden steht deswegen auch nach wie vor Handdesinfektionsmittel bereit.
Ein Unterschied zu den vorangegangenen Wochen war auch in anderen Geschäften entlang der belebten Straßen kaum festzustellen. Das lag vor allem daran, dass zahlreiche Geschäftsleute und Unternehmen mit dem Ende der Regierungs-Regeln Sicherheitsmaßnahmen auf eigene Faust beibehielten.
„No mask, no ride“
So gilt in beliebten Supermarktketten wie Sainsbury’s oder Tesco beispielsweise weiterhin eine Maskenpflicht. Ebenso informierte das Taxi-Unternehmen Uber seine Kunden darüber, dass bei den Fahrten nach wie vor die Regel „No mask, no ride“ (Deutsch: Keine Maske, keine Fahrt) in Kraft sei.
Auch die Busse in Brighton forderten Passagiere dazu auf, weiterhin einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Aufgehoben wurde am Montag jedoch die Begrenzung von Sitz- und Stehplätzen an Bord – die Abstandsregel fiel damit.
Den richtigen Grad zwischen Vorsicht und den verlockenden Freiheiten zu finden, das dürfte die meisten Engländer in den kommenden Wochen vor eine Herausforderung stellen. Johnson gab sich zuversichtlich, dass die hohe Impfrate im Land dabei auch ohne weitere Maßnahmen einen ausreichenden Schutz vor der Pandemie bietet: Inzwischen haben 88 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich eine erste Impfung erhalten, knapp 68 Prozent sind bereits zweimal geimpft.
Dass zwei Impfungen nicht unbedingt einen Schutz vor Covid bedeuten, musste ausgerechnet der britische Gesundheitsminister jüngst jedoch am eigenen Leib erfahren. Sajid Javid hatte zwei Tage vor dem Freedom Day bekannt gegeben, dass er trotz doppelter Impfung an Corona erkrankt ist. Wegen seines engen Kontaktes zu Premierminister Johnson musste auch der sich in Selbstisolation begeben.
Zunächst hatte Johnson noch versucht, sich darum zu drücken. Er gab an, statt sich selbst zu isolieren an einem Pilotprojekt teilzunehmen, das tägliche Tests vorsieht. Nach einem Sturm der Empörung war er jedoch zurückgerudert.
Neue Regelungen, was die Isolationsdauer für Kontaktpersonen von Corona-Erkrankten betrifft, werden mit steigenden Fallzahlen in England immer dringender nötig. Mehr als 4,5 Millionen Briten könnten laut einem BBC-Bericht im Zeitrahmen zwischen dem 7. Juli und dem 16. August in Quarantäne gehen müssen, weil sie engen Kontakt mit Infizierten hatten.
Personalnotstand wegen Quarantäne
In der Folge der hohen Zahl an Menschen in Quarantäne kam es in einigen Branchen bereits zu Personalnotständen: Auch in Brighton mussten mehrere Pubs und Cafés deswegen zwischenzeitlich wieder schließen. Wenn das Nachtleben wieder volle Fahrt aufnimmt, droht dieses Schicksal bald wohl auch so manchem Club.
Damit die feiernden Engländer Johnsons Rückkehr zur Normalität keinen Strich durch die Rechnung machen, hat die Regierung am Montagabend jedoch an einer der noch vorhandenen Regel-Stellschrauben gedreht: Ab dem Herbst sollen bald nur noch diejenigen in Nachtclubs und zu Großveranstaltungen dürfen, die einen Nachweis über vorlegen können.
Für Nachtclub-Neuling Rose könnte das den jähen Abbruch ihrer Party-Pläne bedeuten. Vollständig geimpft ist die 19-Jährige nämlich noch nicht. Ein bisschen Zeit hat sie jedoch noch, um die neue Freiheit auszukosten: In Kraft treten soll die Regelung nämlich erst Ende September – bis dahin haben Brightons Veranstalter schon zahlreiche Partys geplant.
Link zum Text: https://www.welt.de/wirtschaft/article232617693/Grossbritannien-Tagsueber-bleiben-die-Masken-auf-nachts-fallen-die-Hemmungen.html