Wie der Erziehungsstil den Erfolg Ihrer Kinder beeinflusst
Von Charlotte Zink, Die Welt
Streng sein oder Nachsicht zeigen? Viele Eltern fragen sich, ob sie den Nachwuchs richtig fördern. Ein Ökonom hat analysiert, wie sich verschiedene Erziehungsstile auf den Erfolg der Kinder auswirken. Demnach zahlt sich vor allem eine Strategie aus.
Ein Helikopter-Vater ist Matthias Doepke nicht. Wie seine Söhne in der Schule stehen, weiß er aber. Ebenso, welche Hobbys ihnen besonders viel Spaß machen. Denn beides ist in seinen Augen wichtig. Doepke ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Northwestern University. Seit Jahren analysiert er, wie sich wirtschaftliche Faktoren auf den Erziehungsstil von Eltern auswirken.
In dem Buch „Love, Money, Parenting – How economics explains the way we raise our kids “ hat er Pisa-Studien für Deutschland und andere Länder sowie OECD-Befragungen von Familien zum Erziehungsstil analysiert. Mit mit Co-Autor Fabrizio Zilibotti kommt Doepke zu dem Ergebnis: In Ländern, in denen der Schulabschluss besonders wichtig für den späteren beruflichen Erfolg ist, erziehen Eltern ihre Kinder strenger.
WELT: Viele Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder richtig fördern. Wie groß ist der Einfluss, den die Erziehung auf den schulischen und beruflichen Erfolg des Nachwuchses nimmt?
Matthias Doepke: Aufgrund der Datenlage haben wir uns diese Frage am detailreichsten für England und die USA angeschaut. Da sieht man, dass der Erziehungsstil einen recht starken Einfluss auf den Schulerfolg hat. Das geht in die Richtung, dass Kinder von Eltern, die den autoritativen Erziehungsstil beherzigen, relativ gesehen den meisten Erfolg haben. Dieser Gedanke lässt sich auch auf Deutschland übertragen.
WELT: Wie verhalten sich Eltern, die ihre Kinder autoritativ erziehen?
Doepke: Knapp erklärt geht es bei autoritativer Erziehung darum, dass Eltern Werte und Wissen vermitteln, um Entscheidungen ihrer Kinder so zu beeinflussen, wie sie es für förderlich halten. Wenn das Kind beispielsweise verinnerlicht, warum es wichtig ist, sich in der Schule anzustrengen, macht es das auch eher.
WELT: Warum hat das den meisten Erfolg?
Doepke: Wie ein Kind letztendlich in der Schule abschneidet, hängt vielleicht zu zehn Prozent von dem ab, was es zu Hause macht – zu 90 Prozent aber von dem, was in der Schule passiert. Und da können die Eltern ja nicht danebensitzen. Deswegen funktioniert der autoritative Ansatz in der Regel einfach besser als beispielsweise der autoritäre, bei dem die Eltern Vorschriften machen und kontrollieren.
WELT: Was können Eltern konkret tun, um die Schulnoten ihrer Kinder positiv zu beeinflussen?
Doepke: Das ist verallgemeinernd schwer zu sagen, weil Kinder natürlich sehr unterschiedlich sind. Grundsätzlich kann man sagen, dass man darauf achten sollte, dass Kinder lernen, Dinge selber zu machen und selber zu arbeiten. Trotzdem lässt sich basierend auf den Daten, die wir betrachtet haben, sagen, dass es sich in der Regel auszahlt, wenn Eltern ihre Kinder bei Schularbeiten unterstützen. Das heißt konkret: Wenn sie bei Hausaufgaben und der Vorbereitung von Klassenarbeiten helfen, ist es in der Regel auch so, dass die Kinder am Ende besser in der Schule abschneiden.
WELT: Manche Eltern werden aus Sorge – auch um die Schulleistung ihrer Kinder – zu sogenannten Helikopter-Eltern. Sehen Sie darin eine Gefahr?
Doepke: Große Sorgen um die Kinder von sogenannten Helikopter-Eltern würde ich mir nicht machen. Kinder sind alles in allem durchaus robust und die Hauptsache ist, mit Kindern liebevoll umzugehen, was ja bei Helikopter-Eltern in der Regel der Fall ist. Natürlich sollten Eltern immer im Hinterkopf behalten, dass Schulerfolg nur ein Aspekt ist. Das Glück und allgemeine Wohlergehen der Kinder sollte auch nicht aus den Augen verloren werden: Freiraum, Spielen, Hobbys und Beziehungen zu anderen Kindern sind dafür wichtig. Aber: Ich verstehe die Gründe, aus denen Eltern Helikopter-Eltern werden.
WELT: Welche Gründe sind das?
Doepke: Der Hochschulzugang hat heute zum Beispiel deutlich mehr Hürden als noch zu meiner Zeit. Der Abiturdurchschnitt ist viel wichtiger geworden. Hinzu kommt, dass auch die Art der Kenntnisse, die man durch ein Studium erwirbt, auf dem Arbeitsmarkt relativ wichtiger geworden sind. In einem Job, der einen Uniabschluss voraussetzt, sind die Chancen auf ein hohes Einkommen einfach größer.
WELT: Und das haben Helikopter-Eltern vor Augen?
Doepke: Ja. Wie wichtig Eltern – nicht nur Helikopter-Eltern – die Schulleistung ist, hängt vor allem damit zusammen, was es in ihrem Land später für einen Unterschied für die Karriereperspektiven und Einkommensaussichten macht, ob man auf der Uni war oder nicht. In Deutschland wird dieser Unterschied immer größer. So extrem wie in den USA ist es aber zum Glück noch nicht. Aber das kann einem schon Sorgen bereiten.
WELT: Wie sieht die Situation, auf die wir zusteuern, denn aus?
Doepke: In den USA ist es heute schon so, dass nur der Uni-Pfad wirklich zum Ziel führt und einen gut bezahlten Job ermöglicht. Dadurch ist der Druck auf die Kinder natürlich von klein auf hoch. Sie müssen in der Schule fast perfekt sein, um einen Studienplatz an einer guten Universität zu bekommen. In Deutschland hat man noch das Glück, dass Bildungsangebote in ihrer ganzen Breite Erfolg versprechend sind. Wenn einem Kind zum Beispiel Lesen und Schreiben besonders schwerfallen, kann man überlegen, ob vielleicht ein handwerklicher Lehrberuf Sinn macht, ohne sich große Sorgen um einen finanziellen Abstieg machen zu müssen. Solche Freiräume sind natürlich sinnvoll, und man sollte sie auch nutzen.
WELT: Geld, Wissen und Zeit: In Ihrem Buch nennen Sie diese drei essenziellen Faktoren für die Kindererziehung. Welcher spielt die entscheidendste Rolle?
Doepke: Wie wichtig die einzelnen Faktoren sind, ergibt sich ebenfalls im Wesentlichen daraus, wo man lebt. Ob Geld wichtig ist, hängt beispielsweise davon ab, ob Privatschulen eine große Rolle spielen. Wenn ich in einem Land wie Deutschland wohne, wo zumindest in den meisten Gegenden die öffentlichen Schulen eine ganz ordentliche Qualität haben, wird natürlich Geld ein relativ weniger bedeutender Faktor. Deswegen ist es pauschal schwer zu sagen, was die größte Rolle spielt. Aber: Ohne Zeit mit den Kindern ist die Erziehung natürlich nicht möglich. Also kann man vielleicht schon sagen, dass Zeit der wichtigste Faktor ist.
WELT: Sie untersuchen auch den permissiven Erziehungsstil. Bei diesem erlauben Eltern ihrem Nachwuchs sehr viel. Spielt es eine große Rolle für den späteren Erfolg, ob Kinder sich frei entfalten können?
Doepke: Ich glaube, dass Freiraum wichtig ist. Vielleicht wichtiger als manche realisieren. Wenn man mit Leuten in meinem Alter über ihre Karriere spricht und die Gründe, warum sie sich in diese oder jene Richtung entschieden haben, sind es oft Aktivitäten abseits der Schule, die sie beeinflusst haben. Wo man vielleicht mal ein Hobby für sich entdeckt hat oder etwas ausprobiert hat, das einem etwas Neues beigebracht hat. Sogar wenn man es rein ökonomisch sieht, kann es aus meiner Sicht große Vorteile haben, Interessen selber zu entdecken – zum Beispiel, weil die Berufswahl dann leichter fällt.
WELT: Was können Eltern denn dafür tun, dass ihr Kind verinnerlicht, dass Schule wichtig ist?
Doepke: Die Vorbildfunktion spielt da auf jeden Fall eine Rolle. Wenn ich in einem Haushalt aufwachse, in dem die Eltern auf dem Gymnasium und an der Uni waren und einen guten Job haben, sind das natürlich Tatsachen, die Kinder fast von selber aufnehmen. Hinzu kommt, dass man ja auch mit den Kindern über die Geschichte der Familie redet. Somit ist es sicherlich so, dass der Zusammenhang zwischen Bildung, Karriere und Einkommen den Kindern aus Akademikerhaushalten oder Haushalten mit höherem Einkommen einfach klar ist.
WELT: Und in anderen Haushalten?
Doepke: In Familien, in denen niemand jemals auf der Universität war, müssen solche Grundkonzepte natürlich erst mühsam erarbeitet werden. Da findet die Vermittlung dann durch bewusstes Erklären statt.
WELT: Können das denn alle Eltern in Nicht-Akademikerfamilien leisten?
Doepke: Das ist von Familie zu Familie verschieden, und sicher stehen hier viele vor größeren Schwierigkeiten, als das in Akademikerfamilien der Fall ist. Aber wir sehen auch, dass im Durchschnitt das Bildungsniveau von Generation zu Generation steigt, was bedeutet, dass viele Familien diese Aufgabe erfolgreich meistern.
WELT: Wie finden Eltern eine Balance zwischen dem, was sie für richtig halten und dem, was ihre Kinder gerne machen wollen?
Doepke: Ich traue den Eltern da viel zu. Der Grundgedanke unseres Buchs ist ja auch, dass Eltern es im Großen und Ganzen richtig machen und derartige Abwägungen ganz gut treffen. Das kommt daher, dass sie natürlich beides vor Augen haben: Einerseits, was mögliche Konsequenzen sind, wenn Kinder aufhören, sich für die Schule zu interessieren. Andrerseits das Verständnis, dass für Kinder auch andere Dinge wie Spielen wichtig sind. Um eine gute Balance zu finden, würde ich Eltern aber raten, auf jeden Fall darauf zu achten, dass gemeinsame Erlebnisse und Spaß mit den Kindern nicht zu kurz kommen. Die Eltern und Kinder sind heute schon gestresst genug.